perspectiva Kongress 2009
perspectiva Kongress Impressionen 2009

Prof. Dr. Marianne Gronemeyer

gronemeyerGeboren 1941 in Hamburg, acht Jahre Lehrerin an der Haupt- und Realschule, Zweitstudium der Sozialwissenschaften an den Universitäten Hamburg, Mainz und Bochum. Dissertation: Motivation und politisches Handeln, Hamburg 1976. Von 1971 bis 1977 Friedensforschung an der Universität Bochum im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung. Habilitationsschrift: Die Macht der Bedürfnisse, Reinbek 1988. Bis 2006 Professorin für Erziehungs- und Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Wiesbaden.


Genug ist Genug

Über die Kunst des Aufhörens

Vortrag  |  Samstag  |  11.30 – 12.15 Uhr

Dass es so nicht weitergehen könne, ist vielleicht unter allen Alltagsmeinungen die am weitesten verbreitete. Den Satz: „So kann es doch nicht weitergehen“, kann man sich als vieltausendfachen Kommentar zu den täglichen Fernsehnachrichten vorstellen; als anschwellenden Seufzer, der allabendlich zur vorgeschriebenen Stunde aus den Ritzen der traulichen Wohnstuben kriecht. Man sollte meinen, dass diese einhellige Lagebeurteilung uns ermutigt, aufzuhören mit dem als falsch Erkannten. Stattdessen machen wir besinnungslos weiter und richten alle Anstrengungen darauf, das Falsche immer mehr zu verfeinern in der trügerischen Annahme, es werde sich im Zuge solcher Raffinierung schon zum Richtigen mausern: Wir irren uns empor.
Aufhören ist nicht attraktiv. Wir haben einige fest gefügte Ansichten über das Aufhören:
Es ist vom Modergeruch der Sterblichkeit umweht; jedes Aufhören ein kleiner Tod.
Es ist die ultima ratio der Schwachen, der Erfolglosen und Ängstlichen.
Es kostet Freiheit und engt den Bewegungsspielraum ein.
Wir  glauben, das Aufhören bestünde darin, sich loszureißen, von etwas abzulassen, sich abrupt abzuwenden.
Nichts von alledem ist wahr. Um aufhören zu können, muß ich mich zuwenden, ich muß ganz Ohr werden, auf jemanden oder etwas hören. Im Hören werde ich hellwach und lebendig. „Aufhören ist eine Stärke, nicht eine Schwäche“ (Ingeborg Bachmann), und es ist, so wie die Dinge liegen, die einzige Möglichkeit, Freiheit zu gewinnen. Kaum zu glauben, aber des Nachdenkens wert.




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